Eingemeindung Mülheim am 01.April 1914

Vor 100 Jahren fand die Eingemeindung von Mülheim statt

Aller Widerstand von Politik und Bürgerschaft war nutzlos. Und ein Aprilscherz war es schon gar nicht. Am 1. April 1914 wurde die Stadt Mülheim am Rhein nach Köln eingemeindet. "Sehr schwer ist es der Mülheimer Stadtverwaltung gefallen, die Selbstständigkeit aufzugeben und die Geschicke der Stadt ihrem alten Widersacher anzuvertrauen", kommentiert die Mülheimer Volkszeitung am 21. März 1914. Doch das sei aufgrund des Ineinanderwachsens der beiden Gemeinwesen für unbedingt notwendig erachtet worden, hieß es weiterhin. Der Eingemeindung ging ein jahrelanges Tauziehen voraus.

Köln dehnte sich im 19. Jahrhundert immer mehr aus. 1888 wurde die Stadt Ehrenfeld, die Gemeinden Kriel, Müngersdorf, Longerich und Nippes sowie Teile der Bürgermeisterei Rondorf/Rodenkirchen zu Kölner Vororten. Auf der rechten Rheinseite wurden Deutz und Poll wegen ihrer Hafenanlagen eingemeindet. Gerne hätte Köln nach der Jahrhundertwende auch Mülheim vereinnahmt, doch die Verhandlungen scheiterten immer wieder. Die Stadt auf der rechten Rheinseite gab sich eigensinnig. Seit den 1870er-Jahren hatten sich in Mülheim einige aufstrebende Industrieunternehmen angesiedelt.

Zunächst aus der Not heraus, denn in Köln mangelte es an geeigneten Flächen. Doch in Mülheim konnten sich ungehindert große Werke entwickeln. Zudem entpuppte sich das Rechsrheinische als äußerst verkehrsgünstig. Zum einen gab es den Rheinhafen. Zusätzlich entstand hier mit der Zeit ein Eisenbahnknotenpunkt. Mülheim entwickelte sich prächtig. Schließlich erfolgt 1901 die Anerkennung als Stadt.

Der erste Anstoß zum Zusammenschluß der beiden Rheinstätte kam allerdings aus Mülheim. 1906 wurde erstmals die Zusammenlegung der beiden Städte von der "Wirtschaftlichen Vereinigung" gefordert. Auch die Mülheimer Zentrumspartei unterstützte die Pläne. Doch die Stadt Köln brach die Verhandlungen nach eineinhalb Jahren ab. Die Mülheimer hatten wohl zu hoch gepokert, denn Kölns Oberbürgermeister Max Wallraf vertrat die Auffassung, es sei unmöglich, die mit einer Eingemeindung Mülheims verbundenen Opfer zu übernehmen. Zeitgleich führte Köln erfolgreiche Verhandlungen mit Kalk und Vingst, die seit 1910 zum Stadtgebiet gehören.

Auf Druck des Regierungspräsidenten kam es 1912 erneut zu Gesprächen, die jedoch an Steuerfragen scheiterten. Da die Verhandlungen der Kölner mit den Mülheimern immer wieder ins Leere liefen, hatten auch die Gemeinden in direkter Nachbarschaft von Mülheim kein Interressean einer Eingemeindung. Deshalb überlegte der damalige Kölner Stadtrat, wie genügend Druck auf Mülheim ausgeübt werden könnte, um doch noch zum Ziel zu kommen. Es ging um Macht, Politik, Wirtschafts-interressen und letztlich auch um Steuereinnahmen.

Die Kölner gingen taktisch vor. Zunächst einmal sollte Mülheim eingekesselt werden. Deshalb nahm der Kölner OB Max Wallraf Kontakt mit dem Bürgermeister von Merheim, Johann Bensberg, auf. Kölns Angebot erwies sich für die rrh. Gemeinde und den Bürgermeister letztlich als zu verlockend:Steuergleichheit für Merheims Bürger. Und Johann Bensberg bekam eine jährliche Zahlung von 10.000 Mark auf Lebenszeit garantiert. 1912 waren sich Köln und Merheim einig. Damit drohte Mülheim zu einer Enklave im Kölner Stadtgebiet zu werden. Hinzu kam, dass die damalige  Preißische Staatsregierung auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Sie übte Druck auf den damaligen OB Bernhard Clostermann aus. In Berlin wurde ihm empfohlen, sich erneuten Verhandlungen mit Köln nicht entgegenzustellen. Langsam fand in der Politik ein Stimmungsumschwung statt. Am 18. März 1913 kam es schließlich zum Eingemeindungsvertrag, dem die beiden Stadtverordnetenversammlungen am 27. März ohne Gegenstimmen zustimmten. Mülheims ehemaliger OB Bernhard Clostermann wurde übrigens unbesoldeter Beigeordneter der Stadt Köln. Ihm war mit dem Einigungsvertrag sein volles Gehalt von 19.000 Mark für sieben Jahre garantiert worden. Zudem wurde ihm eine Pension von 10.000 Mark zugesagt.

Der Einigungsvertrag war das eine. Es folgten die Verhandlungen über die praktische Ausgestaltung. Darin wurde den Mülheimer Bürgern Steuergleichheit garantiert. Auch sollte als ein deutliches Zeichen statt der alten Schiffbrücke eine große Hängebrücke zwischen Köln und Mülheim errichtet werden. Zudem wurde vereinbart, daß Mülheim eine örtliche Verwaltungsstelle erhält, das Königliche Amtsgericht und das Gewerbegericht beibehalten werden kann und die Werft ausgebaut wird. Ebenso wurde festgelegt, daß die Mülheimer Gottestracht, die traditionelle Schiffprozession auf dem Rhein zu Fronleichnahm, weiter bestehen soll. Und die Stadt Köln verpflichtete sich "Straßen-, Garten-, Schmuck- und Brunnenanlagen im heutigen Stadtgebiet Mülheim in durchaus gutem Zustand zu erhalten und für die Weiterentwicklung der Anlagen und des gesamten Ausbaus der Stadt nach Kräften zu sorgen". Doch die Mülheimer Bürgerschaft wollte sich nicht damit abfinden, zu Kölnern zu werden. Ein "Komitee zur Abwehr der Eingemeindung" sammelte 4000 Unterschriften und reichte im Berliner Reichstag eine Petition ein. Am 10. Juni 1914 entschied eine breite Mehrheit in Berlin, daß Mülheim ein Bestandteil von Köln sei. Der Stadtteil ist heute der bevölkerungsreichste der Domstadt.

Gemeinsam mit der Stadt Köln wurden auch die umliegenden, bisher selbstständigen Gemeinden auf der rechten Rheinseite von der wachsenden Großstadt vereinnahmt und eingemeindet. Die meisten gehörten bereits seit dem Mittelalter zum Herzogtum Berg. 1794 übernahmen die Franzosen die Macht im Rheinland und führten eine Verwaltungsreform durch. 1808 entstand die Mairie (Bürgermeisterei), zu der die Gemeinden Brück, Dünnwald, Flittard, Merheim, Strunden, Thurn, Wichheim und Schweinheim gehörten. Diese sogenannten Muniziplanverwaltung war so effektiv, daß sie auch 1815 beibehalten wurde, als die Preußen die Macht übernahmen. Die rechtsrheinischen Orte waren ländlich geprägt, in vielen Ortskernen sind noch zahlreiche Fachwerkhäuser erhalten. Flittard war zum Beispiel ein selbstständiges Bauern- und Fischerdorf. Dellbrück entstand aus vier einzelnen Ortsteilen Thurn, Strunden, Alt-Dellbrück und Hagedorn.

Die Gemeinden der Bürgermeistereien Merheim wurden genauso wie die Nachbarstadt Mülheim am Rhein zu 1. April 1914 in die Stadt Köln eingemeindet.

 

April 2014